Ausgabe 76 / 2003 vom 06.04.2003
Redaktion: Hermann Schulze, DL1EEC
LEITARTIKEL
(hfs) "... Stell' Dir vor, es wäre Krieg und keiner
geht hin ..." Dieser Satz wird gerne zitiert und dient der
Friedensbewegung schon nahezu ein Vierteljahrhundert als Slogan.
Die Aussage von Bertolt Brecht ist aber nur ein Fragment. Brecht
sagt - lediglich durch ein Komma getrennt - weiter: "... dann
kommt er zu Dir". Ähnlich seltsam fragmentiert kommt mir
auch das CW-Statement des Dr. Horst Ellgering vor, wenn man seine
fast neun Jahre alte Einlassung liest und sie mit seinem Memorandum
vom Februar dieses Jahres vergleicht.
Wenn wir es zudem zulassen, dass der Aprilscherz eines Funkamateurs
in der Newsgroup de.comm.ham mit dem Thema "Insolvenz"
Realität wird, dann erlitte der Amateurfunkdienst in Deutschland
schweren Schaden. Der Amateurfunkdienst hängt an einem dünnen
Faden, wenn wir die Monokultur namens "NOWIRE" weiterpflegen
wie bisher. Wir gehen mit dieser falschen Strategie dem Frequenzhunger
der Kommerziellen nämlich nicht aus dem Weg, nein - er kommt
dann - frei nach Brecht - zu uns.
Nur gute Argumente, profundes Sachwissen und moderate aber in
der Sache stringente Einsprüche können - wie bei der VSiFunk
auf europäischer Ebene geschehen - Ergebnisse für den
Amateurfunkdienst zeitigen. Mit der Junker-Taste auf den Tisch zu
hauen, ist eben wenig zielorientiert.
VSIFUNK SCHEITERT IN BRÜSSEL
(rps/hfs) Sie ist vorerst gescheitert: die "Verordnung
zum Schutz von zu Sicherheitszwecken verwendeten Empfangs- oder
Sendefunkgeräten". Der Amateurfunk kann aufatmen.
Das Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit zog diese Woche
die VSiFunk
bei der Europäischen Kommission in Brüssel zurück.
Als geplante Rechtsverordnung unter dem EMV-Gesetz ist sie notifizierungspflichtig,
d.h. sie muss der EU-Kommission vorgelegt werden und wird von ihr
auf Konformität zur europäischen EMV-Direktive geprüft.
Und genau dies hat nicht funktioniert; damit ist die Verordnung
auch in Deutschland gescheitert.
Hintergrund ist das mittlerweile abgeschlossene Anhörungsverfahren
und die daraus resultierenden nicht ansatzweise miteinander zu vereinbarenden
Interessen der betroffenen Nutzergruppen: In Sicht der PLC-Industrie
sind die Grenzwerte mindestens 30 dB zu scharf - und aus Sicht der
Frequenznutzer - das sind z.B. Amateurfunk, Rundfunk, Sicherheitsdienste
und Militär - sind sie 30 dB zu lasch.
Wie Funkamateure diese Woche der AGZ e.V. mitteilten und das
BMWA daraufhin bestätigte, ist die VSiFunk bis auf weiteres
ad acta gelegt. Wie es weiter geht und ob überhaupt, das ist
zur Zeit völlig unklar.
DIE NEUE AFUV - HEUTE: VERSUCH EINER ZUSAMMENFASSUNG
(rps) Lange haben wir auf sie gewartet: die neue
AFuV. Über zwei Jahre lang hat eine Arbeitsgruppe aus Wirtschaftsministerium
und RegTP daran gearbeitet. Woran eigentlich - könnte man geneigt
sein zu fragen: Im Wesensgehalt der Verordnung hat sich nämlich
nicht viel verändert, wie ein automatischer Textvergleich schnell
aufzeigt. Der große Wurf ist hier mit Sicherheit nicht gelungen.
Was sind die Maximen? Die AGZ sieht drei Leitlinien, die allerdings
alle nicht erfüllt sind: Erstens: Primär gilt das Gesetz.
Die Amateurfunkverordnung soll sich ohne Kompromiss und knochenhart
an die Vorgaben des Amateurfunkgesetzes halten - und zwar ausschließlich
und nur an diese. Was das Gesetz nicht ermächtigt, gehört
nicht in die Verordnung. Und was das Gesetz erlaubt oder besser
gesagt nicht verbietet, das darf durch die Verordnung nicht eingeschränkt
werden. Wir haben Ihnen in den letzten Wochen eine Vielzahl von
Verstößen gegen diese verfassungsrechtliche Maxime präsentiert.
Zweitens: Der staatliche Verordnungswust gehört kräftigst
entschlackt - das hört man auf fast jeder politischen Veranstaltung
- von fast allen Parteien. Der AFuV-Entwurf jedoch praktiziert das
Gegenteil. Die Bundesrepublik befindet sich derzeit in einer schwierigen
wirtschaftlichen Lage. Der Staat soll effizienter funktionieren
und muss - wie fast jeder von uns - sparen. Vor diesem Hintergrund
ist die beabsichtigte Regelungstiefe der neuen AFuV schlicht nicht
zu vermitteln. Wenn die Regulierungsbehörde nach eigenem Bekunden
keine routinemäßige Frequenzüberwachung mehr durchführt,
ja warum dann diese wahre Flut von Detailvorschriften für nur
etwa 80.000 "Hobbyisten"? In weiten Teilen ist der Entwurfstext
ein überflüssiger Papiertiger, will man nicht auf Anzeigen
aus dem Amateurfunkdienst selbst bauen, was wir jedoch nicht hoffen.
Und drittens: Im Juni findet die Weltfunkkonferenz der ITU in
Genf statt. Spätestens in etwa drei Monaten wird die Pflicht
zur Morsetelegrafieprüfung der Vergangenheit angehören.
Eine überwältigende Mehrheit der Länder dieser Welt
hat sich bereits im Vorfeld entsprechend festgelegt. Als Konsequenz
werden Klasse 1 und Klasse 2 nicht nur in Deutschland miteinander
verschmelzen. Im AFuV-Entwurf findet man davon bisher allerdings
gar nichts. Man muss im Sommer also noch einmal von vorne anfangen
und die betroffenen Kreise erneut anhören. Hätte man dies
nicht gleich einbauen können? So fallen nun in der Behörde
erneut Reisekosten und sonstige Ausgaben an, die bei entsprechender
Weitsicht eigentlich hätten vermieden werden können.
Wir in der AGZ empfehlen, den vorliegenden Verordnungsentwurf
gründlich mit Bezug auf unsere Anmerkungen zu überarbeiten,
deutlich zu verschlanken und zu liberalisieren - vor allem, was
automatische und fernbediente Amateurfunkstellen anbelangt. Wir
empfehlen ferner, die Ergebnisse der WRC-03 abzuwarten und diese
anschließend umgehend in die Struktur der Genehmigungsklassen
einzubauen. Viel Geduld werden die Inhaber der Klasse 2 nach dem
Juli dieses Jahres sicher nicht aufbringen.
Das war es mit der neuen AFuV - nicht nur für heute.
ES STAND IN PACKET RADIO
(red) Zitat aus dem Packet-Radio-Mailboxnetz im Jahre 1995:
"DL9MH hält es für richtig, dass ein neues
AFuG bereits auf dem Weg ist. Man müsse sich aber auch klar
machen, wie der Amateurfunkdienst in zehn Jahren aussehen wird.
Dabei spielen seiner Meinung nach folgende Fragen eine zentrale
Rolle: Ist der Amateurfunkdienst dann noch Wegbereiter des Funkwesens
(Legitimationsfrage)? Können neue Mitglieder zur Mitarbeit
geworben werden (Existenzfrage)? Um beide Fragen positiv beantworten
zu können, ist es notwendig, den Gemeinsinn zu stärken,
das Selbstverständnis des Amateurfunks den heutigen Technologien
anzupassen und auf die Zukunft gerichtet auszubilden.
Ein weiterer Diskussionspunkt dreht sich um die derzeitige
und zukünftige Lizenzklassenstruktur. Der Vorsitzende des
DARC, Dr. Horst Ellgering, DL9MH, tritt für eine Beibehaltung
der Qualität und des Niveaus der heutigen Prüfungen
bzw. Lizenzklassen auch in Zukunft ein. Mit DC5JQ ist er sich
einig, dass die UKW-Lizenz im Hinblick auf die Ausgangsleistung
auszuweiten ist. Die zugestandene Senderausgangsleistung dürfe
in Zukunft ausschließlich von den nachgewiesenen Technikkenntnissen
abhängig gemacht werden, und nicht mehr, wie heute noch der
Fall, von Telegraphie. Der Aspekt der elektromagnetischen Umweltverträglichkeit
spiele hier eine wichtige Rolle ..."
Immer noch brandaktuell - nicht wahr? Übrigens, das war
ein Auszug aus dem Protokoll der Distriktsversammlung Nordrhein
im April 1995 über den Redebeitrag von Dr. Horst Ellgering.
MATHE UND PHYSIK NICHT MEHR GEFRAGT?
(red) Dr.-Ing. Werner Hegewald, DL2RD, schreibt in seinem Editorial
im FUNKAMATEUR
Heft April 2003:
"... Ist es nicht beinahe beängstigend, wohin wir
mit unserem High-Tech-Amateurfunk gekommen sind? Damit will ich
keinesfalls "back to the roots", ganz im Gegenteil -
es ist doch herrlich, was wir heute mit von Amateuren entwickelten
oder vielleicht aus der Weltraumforschung entlehnten Technologien
machen können: Der 100-W-Allmode-Allband-Transceiver passt
in eine Zigarrenkiste - Transport null Problem. Bis zum Mond und
zurück mit Durchschnittspower und Einzel-Yagi - die Soundkarte
im PC machts möglich. Und eine kleine Lautsprecherbox neben
dem Transceiver lässt auf Knopfdruck das Rauschen beinahe
restlos verschwinden. Hand aufs Herz - wer kann sich überhaupt
noch vorstellen, was da in den Chips wirklich passiert? Muss man
ja nicht, es funktioniert schließlich auch so ...".
Dr. Werner Hegewald streift lediglich den Grundauftrag des Amateurfunkdienstes.
Dieser wurde seit jeher - aus welchen Gründen auch immer -
in Deutschland allein zur Technik hochstilisiert und nicht als Völkerverständigung
begriffen. Will man Kriege vermeiden, dann müssen Menschen
miteinander reden und schreiben - also miteinander kommunizieren.
Und dabei spielt die Übertragungstechnik und deren physikalisches
Verständnis eben NICHT die erste Geige, sondern die reine Anwendung
der Technik. Wenn man diese überdies auch noch versteht, dann
hat die Gesellschaft noch mehr vom Amateurfunk.
50 PROZENT DER DL-HAMS MACHEN QRP
(rps) Die Zeitschrift FUNKAMATEUR
führte im gesamten Monat März im Internet eine Online-Befragung
durch - Thema: "So verfahre ich mit der Selbstanzeige nach
BEMFV". Teilgenommen haben fast 400 OMs und YLs. Das Ergebnis:
| Ich habe die Selbstanzeige
pünktlich abgegeben |
42,6% |
| Ich werde sie noch
in Kürze abgeben |
12,1% |
| Da ich schon immer
QRP mache, muss ich keine abgeben |
20,6% |
| Ich werde keine abgeben,
weil ich künftig nur noch QRP machen werde |
24,7% |
Gehen wir einmal davon aus, dass sich nur aktive Funkamateure
beteiligt haben. Das Resultat ist unter diesem Aspekt vernichtend:
Etwa die Hälfte der aktiven OMs und YLs in Deutschland werden
durch die BEMFV gezwungen, sich auf 10 Watt EIRP zu beschränken.
Es zeigt sich damit einmal mehr, dass das Amateurfunkgesetz schon
lange nichts mehr wert ist: Wer Amateurfunk tatsächlich praktizieren
darf - und vor allem wie - das steht ganz woanders. Und es zeigt
sich noch eins: Die BEMFV führt im Amateurfunk eine klar unsoziale
Komponente ein - wer ein großes Grundstück mit entsprechender
Immobilie hat, der bleibt ungeschoren; und wer in der städtischen
Mietwohnung wohnt, der macht 10 Watt EIRP.
Wir gehen von etwa 10.000 bis 20.000 wirklich aktiven Funkamateuren
in Deutschland aus. Wenn die Umfrage stimmt, dann müssten der
Regulierungsbehörde mittlerweile eigentlich 5.000 bis 10.000
Anzeigen vorliegen ... Wir werden der Sache nachgehen.
HAMRADIO 2DAY
(red) wird intensiv und genau gelesen. HamRadio-2day-Leser Falk,
DL8DCD, entdeckte beim Beitrag zu KB6SSN einen Zahlendreher. Natürlich
gab es während des zweiten Weltkrieges noch keine B-52s, es
waren B-25-Bomber! Wir bitten um Entschuldigung.
Vy 73
Hermann, DL1EEC
Dieser Rundspruch ist zur persönlichen Nutzung und zur Nutzung
durch Amateurfunk-Medien bestimmt. Vervielfältigungen und Zitate
mit Quellenangabe sind in diesem Rahmen grundsätzlich gestattet
und erwünscht. Rückfragen und Anregungen adressieren Sie
bitte an dl0agz@aol.com im Internet
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